Wege aus dem Flaschenhals Online- Seminar
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Zu den Artikeln zum Vortrag:
Wege aus dem Flaschenhals - Teil 1
Wege aus dem Flaschenhals - Teil 2
Wege aus dem Flaschenhals - Teil 3
In letzter Zeit werden zunehmend unterschiedliche genetische Testsysteme für die Zucht miteinander verglichen oder gegeneinander gestellt. Aus meiner Sicht ist es wichtig, hier zunächst sauber einzuordnen, worüber wir eigentlich sprechen.
Der UC-Davis-Test ist aus einem universitären, wissenschaftlichen Forschungsprojekt entstanden und basiert auf populationsgenetischen Daten, die im Rahmen der ursprünglichen Studie entwickelt wurden. Im Zentrum steht dabei nicht ein einzelner Kennwert, sondern die Einordnung genetischer Vielfalt innerhalb einer gesamten Rassepopulation auf Basis einer großen, international aufgebauten Datenstruktur sowie – je nach Datenlage und Testumfang – auch die Einordnung relevanter gesundheitlicher bzw. krankheitsassoziierter genetischer Marker.
Ein zusätzlicher Aspekt dieses Systems ist, dass die im Rahmen der Testung erhobenen Proben – bei freiwilliger Zustimmung – anonymisiert im Rahmen der universitären Forschungsmission auch für populationsgenetische sowie gesundheits- und krankheitsbezogene wissenschaftliche Fragestellungen genutzt werden können.
In Verbindung mit der BetterBred-Datenbank entsteht daraus ein System, das kontinuierlich weiterentwickelt wird und zunehmend auch praktische Anwendungen für die Zuchtplanung integriert. Die Datenbank wird fortlaufend erweitert und wurde unter anderem um zusätzliche Funktionen ergänzt, darunter auch Testverpaarungen beispielsweise im Bereich Farbgenetik.
Dazu gehören neben der genetischen Grundauswertung auch Werkzeuge zur Verpaarungsplanung, die Einbeziehung von Haplotypinformationen sowie zusätzliche Merkmale, die helfen, genetische Entscheidungen im Gesamtzusammenhang einer Population zu treffen.
Andere genetische Testsysteme arbeiten ebenfalls mit SNP-basierten Daten und leiten daraus Parameter wie Heterozygosität, Homozygosität oder Haplotypverteilungen innerhalb ihrer jeweiligen Datenbank ab. Diese Ansätze können einen ersten Überblick liefern, sind jedoch stark abhängig von der Größe, Struktur und Abdeckung der zugrunde liegenden Referenzpopulation.
Ein entscheidender methodischer Punkt, der häufig missverstanden wird, ist folgender:
Solche Systeme bilden keine klassische Abstammungs- oder Verwandtschaftsanalyse im genealogischen Sinn ab, sondern statistische Ähnlichkeiten innerhalb einer begrenzten Datenstruktur. Wenn Abstammungsinformationen unvollständig sind oder innerhalb der Datenbank nicht vollständig konsistent abgebildet werden, kann es dazu kommen, dass sehr enge reale Verwandtschaftsverhältnisse im Ergebnis nicht korrekt erkannt oder entsprechend eingeordnet werden.
Wenn in solchen Systemen beispielsweise enge Verwandtschaftsverhältnisse wie Eltern und Nachkommen in einem „Match“-Kontext als unkritische oder sogar passende Kombination erscheinen, zeigt das keine Frage von „mehr oder weniger Detailtiefe“, sondern eine systemische Grenze der jeweiligen Modelllogik und Datenbasis.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis zeigt genau diese Problematik: Eine enge Eltern-Nachkommen-Verpaarung – die züchterisch und auch im Rahmen der Fédération Cynologique Internationale (FCI) klar unzulässig ist – wurde in einem solchen System als positives Matching ausgegeben, da die zugrunde liegende Methode keine tatsächliche Abstammungsbeziehung berücksichtigt, sondern ausschließlich auf genetischen Ähnlichkeitsmustern basiert.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang ausdrücklich:
Dieses Ergebnis stammt nicht aus dem UC-Davis-System, das genetische Verwandtschaft im populationsgenetischen Kontext berücksichtigt und solche Konstellationen entsprechend einordnet.
Gerade in Flaschenhals-Populationen ist außerdem wichtig zu verstehen, dass einzelne Kennwerte wie Heterozygosität oder auch Internal Relatedness (IR) für sich genommen nur eingeschränkt aussagekräftig sind. Die Internal Relatedness (IR) beschreibt in erster Linie die individuelle genetische Situation eines einzelnen Hundes und hat vor allem für das Individuum Aussagekraft. Er kann sich dabei beispielsweise von Eltern zu Nachkommen deutlich verändern und sowohl niedriger als auch höher ausfallen, ohne dass sich die genetische Struktur der Gesamtpopulation dadurch verändert. Für die Bewertung der Rassepopulation selbst ist er daher nur eingeschränkt aussagekräftig.
Auch vereinfachte Regeln zur Bewertung einzelner Haplotypenkonstellationen greifen häufig zu kurz, da in den meisten Rassen nur eine begrenzte Anzahl häufiger Haplotypen existiert und eine pauschale Bewertung oder Vermeidung nicht in allen Fällen biologisch sinnvoll oder praktikabel ist.
Ein weiterer zentraler Aspekt, der in der Praxis häufig unterschätzt wird, ist die gezielte Erhaltung seltener genetischer Varianten innerhalb einer Population. Genetische Vielfalt bedeutet nicht nur, Risiken zu vermeiden, sondern auch vorhandene, möglicherweise seltene genetische Bausteine langfristig zu sichern.
In diesem Zusammenhang spielen auch populationsbezogene Kennwerte eine Rolle, die den Beitrag eines Individuums zur genetischen Vielfalt der Gesamtpopulation sichtbar machen und damit helfen, seltene genetische Anteile gezielt zu erhalten.
Systeme wie UC Davis in Verbindung mit BetterBred ermöglichen diese Perspektive, indem sie nicht nur Ähnlichkeiten bewerten, sondern auch sichtbar machen, welche genetischen Anteile in einer Population selten geworden sind und gezielt berücksichtigt werden sollten. Damit verschiebt sich der Fokus von reiner „Optimierung“ einzelner Werte hin zu einer nachhaltigen Sicherung genetischer Vielfalt auf Populationsebene.
Dieser Aspekt ist für eine langfristig gesunde Zucht entscheidend.
In dieser Form der gezielten Identifikation und Erhaltung seltener genetischer Varianten wird dieser Aspekt in anderen Systemen in dieser Form in der Regel nicht in gleichem Umfang abgebildet.
Ein weiterer Unterschied liegt im institutionellen Rahmen: Der UC-Davis-Ansatz ist im universitären, nicht-kommerziellen Forschungskontext verankert, während andere Systeme im kommerziellen Bereich arbeiten, in dem Testung, Auswertung und ergänzende Dienstleistungen kombiniert angeboten werden. Beide Strukturen haben ihre Berechtigung, unterscheiden sich jedoch in Zielsetzung, Datenarchitektur und wissenschaftlicher Einbettung.
Mein persönlicher Ansatz ist klar wissenschaftlich geprägt:
Genetik ist kein Marketinginstrument, sondern ein populationsbiologisches Werkzeug zur Einordnung von Vielfalt und Verwandtschaftsstrukturen innerhalb einer Population.
Für die züchterische Praxis bedeutet das:
👉 Kein einzelner Testwert ersetzt eine Gesamtbetrachtung
👉 Kein vereinfachtes Modell kann eine vollständige Abstammungs- und Populationsanalyse ersetzen
👉 Und keine isolierte Kennzahl sollte ohne Kontext über Zuchtentscheidungen bestimmen
Mein Fokus liegt deshalb eindeutig auf Systemen, die wissenschaftlich fundiert sind, auf breiter Datenbasis arbeiten und in der Lage sind, genetische Informationen sinnvoll in den Kontext der Gesamtpopulation und Zuchtplanung zu setzen.
Am Ende geht es nicht um Anbieter oder Marken, sondern um eine einzige Frage:
Wie zuverlässig ist die biologische Aussagekraft der Grundlage, auf der Zuchtentscheidungen getroffen werden.
Ein Beispiel für einen solchen Ansatz ist für mich das System rund um UC Davis in Verbindung mit BetterBred, das diese Prinzipien in einem wissenschaftlich gewachsenen und kontinuierlich weiterentwickelten Rahmen abbildet und aktuell besonders konsequent umsetzt.
Organisatorische Faktoren wie Versandwege, Zollabwicklung oder die schnellere Verfügbarkeit eines Ergebnisses sollten dabei nicht das entscheidende Kriterium für die Wahl des genetischen Analyse- und Zuchtsystems sein, wenn es um die langfristige züchterische Aussagekraft geht.
Die Wahl des jeweiligen Systems bleibt selbstverständlich eine individuelle Entscheidung – entscheidend ist, die zugrunde liegende Methodik und Aussagekraft realistisch einordnen zu können.
